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"Optische Poesie" | Nicolas Nowack

 

„Salzwedels LiteraTour“ bereichert seit September 2003 das Stadtbild der Hansestadt Salzwedel. Der Dichter und Künstler Dr. Nicolas Nowack integriert rund 30 poetische Texttafeln in das Stadtbild. Sein Literaturpfad verwandelt somit die Innenstadt in ein begehbares Buch. Die Schautafeln beschäftigen sich mit der Reglementierung von Handlungen im öffentlichen Raum und spielen mit den Rezeptions-Erwartungen der Betrachter. Nowack hat mit solchen ungewöhnlichen Präsentationsformen in seiner mehr als 20jährigen Schaffenszeit schon Erfahrungen gesammelt. So veranstaltete er Lesungen in Bäumen oder in Hamburgs Kanalisation. Der in der literarischen Öffentlichkeit bekannte und geachtete Autor (Gedichte, experimentelle Lyrik, Prosa) aus Hamburg lebt und arbeitet seit nunmehr zehn Jahren in Salzwedel. „Ich bin eben Hanseat“, schwärmt er von Salzwedel als echter Alternative zum großstädtischen Treiben.

Was ist "optische Poesie" (wie Nowack diese Texte nennt) ?
"Eine ganz eigene sprachliche Kunstform" (Deutschlandfunk)
Deutsch-deutsche Gegenwart ist konkret poetisch -er- wandelbar.

"Wenn die Menschen nicht zur Poesie kommen, dann kommt die Poesie eben zu den Menschen." Dieses Motto lebt Nicolas Nowack. Und so waren die kurzen Texte, die im Buch versammelt sind, auch zuerst im öffentlichen Raum der altehrwürdigen Hansestadt Salzwedel zu finden. Poesie lässt sich an vielen Orten lesen - im Sessel, auf der Parkbank oder in der Badewanne. Doch unabhängig vom Ort der Lektüre: Stets bleibt das Gelesene gleich, die Badewanne wird nicht zum Bestandteil eines gelesenen Meeresgedichts. Auch nicht durch heftiges Wellenschlagen oder durch Eintauchen des Buches in das Badewasser. Anders verhält es sich hingegen bei dieser poetischen Installation. Deren Texte beziehen sich auf ihr Umfeld und verbinden sich mit diesem - die Stadt wird gleichsam zum begehbaren Buch, dessen Texte gelegentlich versteckt sind oder sich erst beim Näherkommen erschließen. Im öffentlichen Raum erwartet man in Deutschland zuallererst Hinweise, Vorschriften und Verbote, nicht aber Wortspiele und Mehrdeutigkeiten. (Das hat sich seit der Wiedervereinigung von BRD und DDR nicht geändert, wird nun durch die EU noch um weitere Verordnungen ergänzt.) Nowacks Schilder sind seine künstlerische Reaktion auf gesamtdeutsche(n) Reglementierungswu(s)t. Sie reizen zu Assoziationen, zu Fragen und zur Auseinandersetzung mit ihren Aussagen. Und es macht einen wesentlichen Unterschied, ob "Platz zur Wiedervereinigung" (und dann - nach einer Leerzeile - ganz klein weiter: "mit der eigenen Geschichte") auf dem Rathausmarkt einer westdeutschen Großstadt steht - oder ob man diesen Text nahe der ehemaligen innerdeutschen Grenze, auf dem Rathausturmplatz einer ostdeutschen Hansestadt, findet. Das erkennen auch die vielen Reisenden, die eigens nach Salzwedel kommen, um auf dem Pfad Optischer Poesie (POP?!) zu wandeln.

„Hier entsteht demnächst ein Sinn“ heißt das Buch, dass dies alles dokumentiert. Aber lässt sich diese einzigartige literarische Installation, die vom Zusammenspiel von Text und Schildstandort lebt, in einem Buch überhaupt wiedergeben? Oder gehen dadurch Assoziationen und reizvolle Wortspiele verloren? Keineswegs: Der Band ist Stadtführer der besonderen Art (auch weil Texte hier als Fotos präsentiert werden) und poetische Sammlung zugleich. Und er geht über den LiteraTour-Pfad hinaus. Hintergründe werden beleuchtet, doppelbödige Interpretationen zu scheinbarem "Unsinn" und Standorthinweise gegeben sowie "unerkannte" Poesie aus dem öffentlichen Raum den zahlreichen Abbildungen und Texttafeln gegenübergestellt. Dies wird im Buch dann mit viel Ironie untereinander vernetzt (Nowack legt Wert auf Mehrschichtigkeit seiner Arbeiten). Dadurch hebt sich das Buch aus seinem ge- und bedruckten Umfeld hervor. Und Nowack macht deutlich: Er vermisst eine Sinnsuche in der Politik... Selten war Poesie gleichzeitig so witzig Gedanken anregend, so politisch und ungewöhnlich. - "Hier entsteht demnächst ein Sinn" ist eine ganz eigene Buchform.





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